CD Rezension: Diorama – Zero Soldier Army

Das neue Album von  Diorama ist in jeder Hinsicht eines, das sich von der Masse abhebt. Man wagt es kaum, das oft so negativ belegte Wort „Pop“ in dem Zusammenhang zu nennen und doch ist es dunkler Electro Pop der Sonderklasse, was hier geboten wird.

Schon der erste Eindruck des Albums ist außerordentlich. Die Band hat nicht einfach nur ein Booklet eingefügt, sondern das Cover besteht aus zwei Ebenen. Eine obere schwarze Pappe bildet ein negativ und lässt darunter das eigentliche Booklet durchscheinen. So etwas sieht man nicht alle Tage und es zeigt schon deutlich, dass sich hier jemand echt Gedenken auch über die Optik gemacht hat und wie man den Namen der Band gut umsetzen kann.

Dieser gute Eindruck setzt sich nach dem Start der CD fort. Der Opener und gleichzeitig Titelsong „ZSA“ beginnt mit sehr zarten, beinahe verspielten elektronischen Klängen. Dabei zeigt der Song deutlich die Widersprüchlichkeit, die bereits der CD Titel in sich trägt. Die „Zero Soldier Army“, also eine Armee ohne Soldaten beschreibt genau wie der Song, dass man wohl in gewisser Hinsicht wehrlos, aber deswegen noch lange nicht ohnmächtig oder machtlos sein muss. Den Text des Songs sollte man, ebenso wie die großartige Musik, einige Male auf sich wirken lassen. Erst dann erschließt sich auch die Aussage von Textzeilen wie „fire! reload! broadsides from the ghostships!“. Das fast schon hymnische und getragene Stück begeistert sowohl durch seinen Text als auch durch die großartige Musik.

Das zweite Stück „Off“ beginnt ähnlich ruhig wie der Opener, marschiert dann aber mit einem zunächst recht spröden und stampfenden Beat nach vorn, der offenbar bewusst recht unvermittelt einsetzt und einen scharfen Bruch zu den ersten Klängen des Stücks erzeugt. Der Song ist wohl als Aufforderung zu verstehen, sich nicht nur treiben zu lassen, sondern den Blick für das Wesentliche zu schärfen und Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Wie eine Warnung klingt der Ruf „You will burn“ im Ohr. Zunehmend mischen sich im Laufe des Songs aber zuversichtlichere Klänge in Form von Synthies ein und auch positivere Textzeilen treten hinzu. Schließlich findet dieser zunächst recht düstere Song einen sehr fordernden Höhepunkt und nun wandelt sich die Refrainzeile in „Let them burn“. Dies zeigt deutlich, dass Diorama im Gegensatz zu vielen anderen Elektro Pop Bands sehr viel Wert auf Songwirting, Dramatik und ein umfassendes Konzept der Songs gelegt haben. Das ist nicht einfach nur Pop, sondern anspruchsvolle elektronische Musik mit Tiefgang.

Ein Hauch von 80er Synth-Pop schwingt beim Song „Defcon“ mit seinem extrem ohrwurmverdächtigen Refrain mit. Dabei ist auch dieser Song inhaltlich alles andere als eine fröhliche Popnummer. Der Titel wird dem ein oder anderen Freund von Actionfilmen bekannt sein, bedeutet er doch „Defense readiness conditions“ bzw. zu deutsch „Verteidigungsbereitschaftszustand“. Inhaltlich dreht sich das Stück darum, dass man sich oft hinter Belanglosigkeiten versteckt und seinem Gegenüber Ausreden auftischt und sich gegenseitig täuscht. Wiederum sehr modern und flott kommt „Beta“ daher. Dieser Song ist sehr tanzflächentauglich und geht ordentlich nach vorn.

Der fünfte Song „Smolik“ entführt den Hörer in eine düstere Zukunftsvision, deren Refrain „What about the unborn alien under your skin“ wohl kaum noch einem Kommentar bedarf. Dazu passend werden die Strophen in einem Sprechgesang vorgetragen und musikalisch mit Gitarren und passenden elektronischen Klängen unterlegt. Text und Musik entfachen hier ein extrem düsteres Kopfkino, dem man sich kaum entziehen kann. Wer dazu noch das Booklet mit seinen surrealistisch verfremdeten Bildern durchblättert, der kann ganz und gar abtauchen in die Welt von Diorama. Durch eine Zusammenschau der beiden folgenden Songs „&“ sowie „Polaroids“ wird die in „Smolik“ aufgezeigte düstere Vision in einen größeren Zusammenhang gestellt. Während „&“ mit seiner ruhigen, getragenen Melodie den Hörer in vermeintlicher Sicherheit wiegt, ist „Polaroids“ wieder ein Stück, das den Finger in die Wunde legt und vor Augen führt, dass die Menschen oft danach streben, nur die gewohnten Routinen beizubehalten, egal ob sie ihnen gut tun oder nicht. Der von flächigen Synthies getragene Refrain in „Polaroids“ klingt schnell im Ohr und fräst diesen Song in die Gehirnwindungen.

Nach diesen tiefsinnigen und mahnenden Stücken folgt mit „Reality Show“ ein treibender Song mit einem flotten Shuffle-Beat, der mit Sicherheit für Bewegung auf der Tanzfläche sorgen wird. Als einziges Instrumentalstück auf dem Album setzt „Nebulus“ voll und ganz auf die Wirkung der elektronischen Klangerzeuger, um seine Stimmung zu entfalten. Durch wabernde und sich ausbreitende Synthesizer-Klänge in Verbindung mit einem passenden Beat gelingt dies auch sehr gut. Das Stück treibt als vorletzter Song die Stimmung noch einmal zum Höhepunkt bevor mit „Stay Undecided“ der letzte Song der CD erklingt.

Unschlüssig über die Qualität wird sich nach dem Genuss dieses großartigen Albums wohl kaum jemand sein. Diorama haben mal wieder ihrem Namen alle Ehre gemacht und den Hörer in eine lyrisch verdichtete kleine Welt entführt, indem sie musikalisch und inhaltlich die Probleme der Gegenwart aufgreifen und verarbeiten. Die Band spielt filigranen Dark Elektro Pop, der sehr viel Tiefgang hat und an den richtigen Stellen mitreißende Rhythmen und Melodien bietet. Bei allem Tiefgang und bei aller Komplexität ist es Diorama dennoch gelungen, die Songs so eingängig zu gestalten, dass einige bereits beim ersten Durchgang im Ohr bleiben. In dem Genre Electro Pop ist „Zero Soldier Army“ definitiv eines der Highlights 2016.

Anspieltipps:
ZSA
Polaroids
Nebulus

Tracklist:
01 ZSA
02 Off
03 Defcon
04 Beta
05 Smolik
06 &
07 Polaroids
08 Reality Show
09 Amnesia Club
10 Comfort Zone
11 Nebulus
12 Stay undecided

Label: Accession Records
Format: Audio CD
Genre: Dark Electro Pop
VÖ-Datum: 09.09.2016
Webseite: http://www.diorama-music.com

Rezension: Karsten Henze

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