CD Rezension: ASP – Verfallen Folge 2: Fassaden

Obwohl am 01.04. erschienen, ist die Folge 2 des epischen ASP Albums „Verfallen“ kein Aprilscherz, sondern abermals ganz großes Kino. Erneut entführen die Gothic Rocker ihre Hörer ins Leipziger Hotel Astoria und erzählen die Schauergeschichte weiter.

Der Opener „Fortsetzung folgt…2 (Vorspann)“ ist eine beschwingte Nummer, die nichtsdestotrotz den Hörer sofort einfängt und mitnimmt. Nach dem Intro folgt dann das schwerfällige und majestätische „Unwesentreiben“. Diese Nummer zeigt nicht nur musikalisch die düstere Seite der Scheibe, sondern ordnet sich zeitlich in die 1930er Jahre ein. Die drückende Stimmung des Songs entspringt der Gefühlswelt des Protagonisten Paul der Kurzgeschichte, die hier intoniert wird ebenso wie der Betrachtung der Außenwelt mit ihren politische Einflüssen. ASP gelingt es, dies auf eine geniale Art und Weise lyrisch zu verpacken und in den Song zu fassen. Auf die langsame Nummer „Unwesentreiben“ folgt als Kontrast wieder ein flotter Titel namens „OdeM“. Dieser Song zählt zu den stärksten auf dem Album und hat unheimliche Livequalitäten. Ein wenig erinnert er melodisch an den ASPschen Hit „Werben“. Mit Sicherheit wird „OdeM“ seinen Platz im Liveset der Band finden und den Fans so manchen Freudenschrei entlocken. Bevor sich das Album dem Höhepunkt nähert, darf sich der Hörer bei „Zwischentöne: Höhepunkt“ ein wenig zurücklehnen und scheint wie schwebend durch die Gänge des Hotels zu wandeln.

Der auch auf einer 2-Track Maxi erhältliche Song „Das Kollektiv“ bildet wohl ohne Zweifel einen Höhepunkt des Albums. Da die Single mit nur zwei Songs, wohl aufgrund der Limitierung auf 999 Stück, inzwischen schon zu Preisen wie das ganze Album gehandelt wird, kann man auch getrost zum Album greifen. Zumal nur hier die ganze Story klar wird. Der Song an sich ist wahrhaft meisterlich arrangiert. Die Folk-Anklänge mit Dudelsäcken sind so dezent eingewoben, dass es nicht aufgesetzt wirkt. Das Hotel wird hier so beschrieben als führe es eine Art mysteriöses Eigenleben, was beim Hörer schon unheilvolle Gefühle hervorruft und die dann noch folgenden Schrecken bereits andeutet. „Hinter den Flammen“ beschreibt dann genau die geisterhafte Szene, die auch das Coverartwork des Albums ziert. In diesem mehr als 8 Minuten langen Song erfährt der Protagonist der Story die Schrecken, die im Keller lauern. Die bildhafte Sprache lässt vor dem geistigen Auge einen wahren Horrorfilm ablaufen, zu dem ASP den passenden Soundtrack spielen. Das ist wahrlich großes Kino. Inwiefern sich hinter diesen apokalyptischen Beschreibungen auch zeitgeschichtliche Beschreibungen von Krieg und Niedergang verbergen, darüber kann sich der Hörer selbst Gedanken machen. Angesichts der Vielschichtigkeit der Beschreibungen liegt es jedenfalls nahe. Der folgende Song „Zwischentöne: Abfall“ kündet von Verfall und Vergänglichkeit, musikalisch unterlegt mit akustischen Gitarren, so dass die Gesangsstimme besonders gut zur Geltung kommt und der Song sehr emotional klingt. Zeitlich wird hier unzweifelhaft auf die Zeit nach dem Bau der Mauer angespielt. Rockiger wird es wieder beim folgenden Stück „Köder“. Das Album nähert sich dem unausweichlichen Ende und „Ich lösche dein Licht“ bietet nochmal einen mitreißenden Mid-Tempo-Song. Bewusst rockig und stakkatoartig gehalten ist dagegen der „Umrissmann“ bevor „SouveniReprise“ das bombastische Ende des Albums endgültig einleitet. Hier ziehen ASP nochmal alle Register, sowohl musikalisch als auch dramaturgisch. Am Ende stellt sich die Frage, ob es das war oder ob noch eine Fortsetzung folgt? Der geneigte Hörer wird merken, dass das Ende durchaus offen ist und das Böse offenbar noch tief im Keller von Astoria lauert. Man darf also gespannt sein, ob ASP auch noch mit einem weiteren Teil der Reihe aufwarten. Angesichts der Qualität dieses Werkes wäre es wirklich wünschenswert.

Die Story mit verschiedenen Erzählebenen und Andeutungen, welche die Geschichte des Hotels Astoria, des Protagonisten Paul und der zeitgeschichtlichen Ereignisse auf geniale Art und Weise verbindet, sucht ihresgleichen. Dieses Album ist ein Meisterstück und ASP heben den Gothic Novel Rock damit in neue Dimensionen, legen aber auch ihre eigene Messlatte noch ein Stück höher. Die Aufmachung des DigiBooks kommt in gewohnt hoher Qualität daher. Für das meisterhafte Artwork zeichnet Joachim Luetke verantwortlich, der auch schon für Sopor Aeternus, Dimmu Borgir und Kreator tätig war. Die Bonus CD bietet noch weitere Songs und Ausschnitte aus der Lesung von Kai Mayers „Fleisch der Vielen“, das als Vorlage und Inspiration für das ASP Album diente.

Dieses Album ist definitiv schon jetzt eines der besten Gothic Rock Alben 2016.

Anspieltipps:
Fortsetzung folgt…2 (Vorspann)
Das Kollektiv
Ich lösche dein Licht

Tracklist:

CD 1
01. Fortsetzung folgt…2 (Vorspann)
02. Bitte nicht stören! (Intro)
03. Unwesentreiben
04. OdeM
05. Zwischentöne: Höhepunkt
06. Das Kollektiv
07. Hinter den Flammen
08. Zwischentöne: Abfall
09. Köder
10. Ich lösche dein Licht
11. Ich lösche dein Licht (Reprise)
12. Ich bringe dir nichts mehr
13. Umrissmann
14. SouveniReprise

CD 2
01. Fortsetzung folgt…2 (Vorspann) (live)
02. Kai Meyer: Das Fleisch der Vielen, Lesung Teil 1
03. Song: Astoria verfallen (acoustic live)
04. Kai Meyer: Das Fleisch der Vielen, Lesung Teil 2
05. Song: Alles, nur das nicht! (acoustic live)
06. Dro[eh]nen aus dem rostigen Kellerherzen (Videoschnitt)
07. Loreley (Kurzhaarschnitt)

Label: Trisol/Soulfood
Format: Audio-CD
Genre: Gothic Novel Rock
VÖ-Datum: 01.04.16
Webseite: http://www.aspswelten.de

Rezension: Karsten Henze

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