CD Rezension: Saltatio Mortis – Zirkus Zeitgeist

Die einstigen Mittelalter-Rocker von Saltatio Mortis haben sich mit ihrem neuen Album den Zeitgeist auf die Fahnen geschrieben. Dementsprechend singen sie dann auch nicht mehr von Sagenfiguren wie Prometheus oder über den Spielmannsschwur, sondern über des Bankers neue Kleider oder den Beginn des weihnachtlichen Konsumrausches im Hochsommer. Und wo geht musikalisch die Reise hin?

Eines vorweg, Saltatio Mortis klingen auch 2015 noch wie Saltatio Mortis. Nicht zuletzt die Stimme von Frontmann Alea sowie der über die Jahre gewachsene Sound aus Rock und Dudelsäcken, Drehleier sowie weiteren mittelalterlichen Instrumenten gepaart mit einer hohem Eingängigkeit lassen durchaus vertraute Klänge an das Ohr dringen. Der Opener „Wo sind die Clowns?“ ist dann auch gleich eine Up-Tempo-Nummer, bei der die Jungs ohne Umschreife rocken. Der Refrain frisst sich nach wenigen Durchläufen in die tiefsten Gehirnwindungen. Inhaltlich thematisieren Saltation Mortis bei dem Stück die Tatsache, dass in den Medien heute oft zu wenig gelacht wird. Stattdessen werden sensationslüstern Katastrophenbilder präsentiert und möglichst noch inszeniert für die Quote. Klar mit Mittelalter hat das nichts zu tun, aber Saltatio Mortis behaupten ja auch nicht, dass sie eine reine Mittelalter-Band sind. Diesen Stempel hat man ihnen über die Jahre hinweg aufgedrückt. Aber der Totentanz („Saltatio Mortis“) passt schon rein vom Wortlaut her auch in die Gegenwart. Gelegentlich entfernt sich die Band allerdings auch musikalisch etwas mehr von ihren Wurzeln. Beim zweiten Song „Willkommen in der Weihnachtszeit“ wird der ein oder andere Hörer zunächst schon mal überlegen, ob er hier wirklich bei der richtigen Band gelandet ist. Der Song ist eingangs schon sehr punk-rockig und Aleas Stimme erinnert nicht nur hier durchaus am Campino von den Toten Hosen.

Bereits auf den Vorgängeralbum hatten sich Saltatio Mortis auf inhaltlich ungewohnt moderne und politische Themen gestürzt. So geht es auch auf Zirkus Zeitgeist um gesellschaftliche Probleme wie Konsumverhalten, Geld und nicht zuletzt Krieg wie im Song „Nachts weinen die Soldaten“. Über diesen Song kann man sicher geteilter Meinung sein. Natürlich ist es gerade angesichts der gegenwärtigen kriegerischen Auseinandersetzungen in aller Welt eine gute Idee mit einer Power-Rockballade mit Bezug zum 1. Weltkrieg an die Wirkungen des Krieges zu erinnern. Auch gelingt es Saltatio Mortis sich mit ihrem eingängigen Sound in die Gehörgänge der Hörer zu schleichen. Doch zum Teil wirkt der Song sehr aufgesetzt und schwülstig. Insbesondere der auf Eingängigkeit getrimmte Refrain scheint der Sache nicht so recht angemessen.

Eines der mitreißendsten Stücke ist der „Rattenfänger“. Dieser Song mit Ska-Anleihen und einer geradezu hypnotischen Melodie wird auch Fans früherer Alben begeistern. Einer der schnellsten und zugleich eingängigsten Songs des Albums ist die „Vermessung des Glücks“. Nicht ohne Grund sind Saltatio Mortis mit ihrem Album auf Platz eins der Charts gelandet. Sie beweisen hier einmal mehr, dass sie große Songwriter sind und rufen mit „Vermessung des Glücks“ offensiv dazu auf, das Leben im Hier und Jetzt auszukosten und zu nutzen. Carpe Diem! Doch während bei „Vermessung des Glücks“ noch eher unterschwellig eine gewisse Wehmut mitschwingt, singen Saltatio Mortis den Hörer mit der „Abschiedsmelodie“, dem letzten Song des Albums, gänzlich in eine  depressive Stimmung. Aus und vorbei ist es dann. Aber man kann die Scheibe auch problemlos noch ein zweites oder drittes Mal durchlaufen lassen. Dabei zeigt sich dann recht schnell, dass insbesondere die Songs „Rattenfänger“, „Wo sind die Clowns?“ und „Nachts weinen die Soldaten“ im Kopf bleiben, während andere Song eher schnell verblassen.

Beachtung sollte auch das Artwork des Albums erhalten. Hier lohnt es sich, auch mal etwas länger zu verweilen und die Details zu betrachten. Erst dann offenbart die Collage alle ihre Facetten. Nicht nur, dass der Clown eine Halskrause aus Zeitungen trägt und eine Einstiegsluke an einem Kopf wohl stilisiert, dass der Mensch von heute gläsern und durchschaubar ist. Der Hut in Form eines verbeulten alten Eimers zeigt die Symbole der „alten Zeit“ wie Burgtürme, Müll und Raketen. Doch der Krieg ist auch nach wie vor präsent. Im Hintergrund des Clownkopfs ist nicht nur eine moderne Metropole zu sehen, sondern auch an Schirmen nach unten sinkende Bomben, Rauch und schwarze Vögel als Boten des Todes. Das Coverartwork fasst den Zeitgeist komprimiert in einem einzelnen Bild zusammen und sollte zu denken geben. Ebenfalls sehenswert sind die Bandfotos im Booklet. Hier wurde mit Fotografien und Photoshop eine zum Cover passende Darstellung aller Bandmitglieder inszeniert. Auch diese Bilder enthalten das ein oder andere witzige Detail, das entdeckt werden will.

Also trotz aller Kritik an dem inhaltlichen Wandel der Band hin zu gegenwärtigen, gesellschaftskritischen Themen bleiben sie sich musikalisch doch überwiegend treu. Natürlich ist „Zirkus Zeitgeist“ kein zweites „Aus der Asche“. Aber auch eine Band soll und muss sich weiterentwickeln. Sie lässt sich ebenso wenig konservieren wie eine historische Stadt, sondern lebt gerade von der Veränderung, wobei gewisse Traditionen und Leitlinien aber immer unverkennbar bleiben. In diesem Sinne ist auch Zirkus Zeitgeist zu sehen. Saltatio Morts haben sich über die Jahre zu einer Band entwickelt, die über die Grenzen der Mittelalter-Rock-Szene bekannt und beliebt ist. So spielt die Band auf großen Metal-Festivals ebenso wie auf Mittelalter-Festivals. Die neue Scheibe beinhaltet einige Stücke, die sich sicher längerfristig in der Setlist der Band festsetzen werden. Wer also auf Mittelalter-Rock steht und dem Punk-Rock nicht abgeneigt ist, der kann mit dem Album nichts falsch machen.

Anspieltipps:
Wo sind die Clowns?
Rattenfänger
Vermessung des Glücks

Tracklist:
01. Wo sind die Clowns?
02. Willkommen in der Weihnachtszeit
03. Nachts weinen die Soldaten
04. Des Bänkers neue Kleider
05. Maria
06. Wir sind Papst
07. Augen Zu
08. Geradeaus
09. Erinnerung
10. Trinklied
11. Rattenfänger
12. Todesengel
13. Vermessung des Glücks
14. Abschiedsmelodie

Label: Napalm Records/Universal
Format: Audio-CD
Genre: Mittelalter-Punk-Rock
VÖ-Datum: 14.08.15
Webseite: http://www.saltatio-mortis.com

Rezension: Karsten Henze

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