Stürmische Zeiten … Interview mit Jannik von Vogelfrey

Mit ihrem neuen Album „Sturm und Klang“ wagt sich die Hamburger Band Vogelfrey hinaus auf die stürmische See und bis hinein ins Auge des Orkans. Bei einem Landgang konnten wir Sänger Jannik in einer Taverne treffen und ihm das ein oder andere Geheimnis rund um das neue Album der Band entlocken.

SzeneChecker (SC): Glückwunsch zum neuen Album „Sturm und Klang“. Die Reaktionen von Fans und Presse sind ja überaus positiv. Würdet ihr das Album als euer bisher bestes bezeichnen?

Jannik (J): Eigenlob stinkt zwar, aber ich würde es definitiv als unser bestes Album bezeichnen. Wir haben es geschafft, unsere Grundaussagen besser auf den Punkt zu bringen und konnten meiner Meinung nach optimal auf den Erfahrungen der beiden Vorgängeralben aufbauen. Ich finde es wichtig sich zu entwickeln, auch mal Dinge anders zu machen, möglichst ohne dabei seine Wurzeln zu vergessen. Das hat in meinen Augen gut geklappt und den Fans gefällt es offenbar auch. Das ist natürlich die Hauptsache.

SC: Was war beim neuen Album zuerst da – die Songs oder Albumtitel?

J: Eine gute Frage. Es gab zwar schon ein paar Ansätze für Songs, aber der Albumname stand bevor etwas anderes fertig war. Dieser Titel hat mit Sicherheit die Entwicklung der CD stark geprägt, quasi als Oberbegriff. Ein wirkliches Konzeptalbum ist es ja nicht geworden, aber viele Songs lassen sich unter diese Überschrift „Sturm und Klang“ setzen, mal buchstäblich mal im übertragenen Sinne. Das „Klang“ verdanken wir übrigens Chris, unserem Basser. Ich hatte damals „Sturm und Drang“ vorgeschlagen und Chris hat den Namen mit diesem kleinen Wortwechsel extrem aufgewertet.

SC: Wie geht ihr generell an ein Album heran? Sammelt ihr Songs, die ihr in einem bestimmten Zeitraum schreibt und versucht die dann zusammenzufügen oder arbeitet ihr auf ein bestimmtes Thema / einen Albumtitel hin?

J: Bei den ersten beiden CDs war es wie wohl bei den meisten Bands: Wir nehmen die Songs auf, die da sind, was übrig bleibt kommt auf die nächste CD. Nun war aber der „Vorrat“ an Songs aufgebraucht und wir konnten uns völlig frei bewegen, was sehr angenehm war. Der Albumtitel hat dann bei vielen Songs eine gute Inspirationsquelle abgegeben. Außerdem sind wir zum ersten Mal zum Songwriting weggefahren und haben auf Sylt in Küstenatmosphäre geschrieben. Eine tolle Erfahrung und ich meine mir einzubilden, dass man das den dort entstandenen Songs anmerkt. Welche das sind, verrate ich aber nicht.

vogelfrey-sturmundklang

SC: Dem Albumtitel entsprechend drehen sich einige Songs auf eurem Album um Sturm, Seefahrt usw. Habt ihr als Hamburger Band eine besondere Beziehung zum Meer und zur Seefahrt?

J: Manche von uns vielleicht schon. Durch den Hamburger Hafen bekommt man hier schon als Kind Seeluft zu schnuppern und vielleicht führt das zu einer gewissen Verbundenheit mit dem Meer, aber ich würde nicht sagen, dass man das überinterpretieren sollte. Ich bin gerne an Land und finde auch Berge sehr schön, vielleicht gerade weil es die hier nicht gibt.

SC: Euer neues Album erscheint nicht wie die Vorgänger bei SMP/Trollzorn sondern bei Metalville. Was hat euch bewogen für „Sturm und Klang“ ein neues Label zu wählen?

J: Wir hatten den Vertrag mit Trollzorn erfüllt und von Metalville ein Angebot erhalten, das uns zugesagt hat. Das ist die profane Realität. Da gab es auch kein böses Blut oder so. Wenn wir die Jungs von Trollzorn auf Festivals treffen, dann bechern und schnacken wir wie eh und je.

SC: Ihr habt euch über die Jahre weiterentwickelt und einen eigenständigen Klang aufgebaut. Wenn euch ein großes Label unter der Bedingung unter Vertrag nehmen würde, dass ihr eure Songs „radiotauglicher“ gestaltet, würdet ihr euch auf einen solchen Deal einlassen oder ist euch die Eigenständigkeit wichtiger?

J: Das ist immer eine schwierige Frage. Auf der einen Seite gibt’s den Idealismus und das Künstlertum in einem, auf der anderen Seite gehen auch wir langsam auf die 30 zu und müssen uns mittlerweile Gedanken machen, wie das Brot auf den Tisch kommt. Ich denke eine gewisse Bereitschaft uns dem Main-Stream wie man das ja nennt, anzunähern haben wir schon immer und auf dieser dritten Scheibe noch mehr gezeigt. Die Übergänge sind da ja auch fließend: Wenn man mit offenem und unvoreingenommenem Ohr Songs aus dem Radio hört, findet man da ja nicht nur Müll, sondern auch sehr schöne Songs. Ich war letztes Jahr auf einem Ed Sheeran Konzert und meine Fresse, der liefert ordentlich ab. Im Endeffekt ist mir wichtig, das ich hinter dem stehe, was ich schreibe, singe und spiele, anders kann ich es nicht authentisch rüberbringen und das findet dann am Ende keiner gut. Wenn also der Preis des Erfolges ist, irgendeine seelenlose Drecksmusik zu machen, die mich selber nicht berührt, dann ist er wohl zu hoch. Wenn es bedeutet, offen für Anregungen zu sein und sich nicht in so einem Künstler-Underground-Schneckenhaus zu verkriechen, dann bin ich bereit dazu. Kurz gesagt: Wenn der Song im Radio dann geil ist, bin ich dabei!

Vogelfrey Foto Ohne Logo

SC: Zum Titelsong „Sturmgesang“ habt ihr ein Musikvideo gedreht. Wie war das für euch und wie lange hat es gedauert bis alle Szenen im Kasten waren?

J: Der Dreh hat viel Spaß gemacht und war echt kalt. Ich glaub das war irgendwann Anfang April. Auf jeden Fall war gleichzeitig Ostern. Uns war wichtig dieses Mal endlich ein Musikvideo an den Start zu bringen. Ursprünglich waren andere Songs im Gespräch, aber da waren die Konzepte zu kompliziert für den kleinen Zeitraum, den wir für den Dreh zur Verfügung hatten. Wir haben uns für „Sturmgesang“ entschieden, weil der Song ohne komplizierte Nebenhandlungen auch einfach für sich steht. Wir hatten nur einen Tag, deshalb war da keine Zeit für viel anderes als unsere Performance. Der Clip lebt nun von dem Abwechslungsreichtum in der Musik und unser Performance in unseren ungewöhnlichen Outfits. Dennoch haben wir gedreht bis die Sonne weg war, da war es dann richtig kalt.

SC: Der Song „Bluthochzeit“ bezieht sich vermutlich auf die Magdeburger Bluthochzeit, also die Zerstörung der Stadt im Jahr 1631. Wie seid ihr auf die Thematik gekommen und wie genau ist der Songtext entstanden?

J: Ich hab irgendwann vor ein paar Jahren nachts eine Dokumentation über die Magdeburger Hochzeit auf Phoenix gesehen, weil ich nicht schlafen konnte. Dieses Massaker an sich und die Tatsache, dass ich nie zuvor davon gehört hatte (und das, obwohl ich sogar im Geschichtsleistungskurs war), fand ich so heftig, dass ich einen Song darüber schreiben wollte. Textlich war mir wichtig, diesmal nichts zu verniedlichen oder zu glorifizieren, sondern die Erstürmung in all ihrer Brutalität darzustellen. Ich hab nichts gegen romantisch verklärte Kriegersongs mit Hollywood-Flair, davon haben wir ja auch welche im Programm, aber hier habe ich alle kreativen Entscheidungen unter dem Aspekt getroffen, diese Grausamkeit abzubilden. Deshalb auch die metallische Härte in der Musik, das war einfach folgerichtig.

SC: Inhaltlich sehr überraschend und interessant ist ja „Alkoholverbot“. Eigentlich spricht man ja vom „schön saufen…“ Der Song dreht das um. Wie seid ihr darauf gekommen?

J: Das weiß ich gar nicht mehr… wir haben ja generell oft den textlichen Ansatz Klischees umzudrehen und so war das dann auch hier. Ich bin glücklicherweise von diesem Fluch nicht betroffen (toi,toi,toi). Irgendjemand hat mir im Nachhinein kürzlich erzählt, dass das Schöntrinken eigentlich auch ein Mythos ist und es wissenschaftlich belegt ist, dass einem die Leute de facto eigentlich hässlicher vorkommen, wenn man betrunkener wird. Keine Ahnung, aber dann hätten wir ja einfach die Wirklichkeit beschrieben, irgendwie enttäuschend.  Es ist in jedem Fall für uns ein sehr ungewöhnlicher Song, weil er doch recht albern und comichaft ist. Nichtsdestotrotz ein hörenswertes Lied und nicht ganz aus Versehen auch betrunken sehr gut singbar.

SC: Im März dieses Jahres gab es sogar ein „Sturm und Klang“ Festival, bei dem ihr neben weiteren Bands aufgetreten seid. Bitte erzählt uns wie die Idee dazu einstanden ist und wie das Ganze aus eurer Sicht gelaufen ist.

J: Heutzutage hat ja eigentlich fast jede Band ihr eigenes Festival und wir fanden die Idee auch schön, Kollegen zu uns nach Hamburg zu holen und ein ordentliches Fest zu feiern. Das erste Line-Up war dann auch schnell gefunden und der Arbeit war ein voller Erfolg.

SC: Wird es im kommenden Jahr eine Neuauflage des „Sturm und Klang“ Festivals geben?

J: Wir sind zur Zeit in der Planung zum zweiten Streich. Dazu gibt es sicher in Kürze mehr. Wir wollen das natürlich gerne weiterführen, auf dass es zur Tradition werde.

SC: Was wollt ihr zum Schluss gern noch loswerden?

J: Wir danken den treuen und tollen Menschen, die uns vor und hinter der Bühne unterstützen und all jenen, die unsere CDs trotz Spotify und illegaler Download-Optionen kaufen: Ihr seid Helden!

Danke für das Interview!

Interview: Karsten Henze

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