Headbangen auf dem Autohof: Out & Loud 2015

Da freut man sich monatelang auf ein Festival, und dann ist es auch schon wieder vorbei. Die 3. Auflage des Geiselwinder „OUT AND LOUD“ ist Geschichte. Ein Festival, welches amtlich in sehr positiver Erinnerung bleiben wird. Line-up, Organisation, Location, Wetter, Publikum – nahe dran an einem Zustand, den der geneigte Metalhead als perfekt beschreiben möchte. Ort des Geschehens: Autohof Strohofer an der A3 im fränkischen Geiselwind.

Wir, dies sind meine Freunde und Familie, hatten uns entschieden, bereits den Mittwoch und die, dem Festival als Warm-up vorgeschaltene Label-Nacht, mitzunehmen. Einesteils, um einen guten Platz auf dem Campingground zu bekommen, andererseits um mindestens FINSTERFORST und CIVIL WAR zu erleben. Freundlicher Empfang der Security, welche zum Ausladen der persönlichen Utensilien das Kurzzeitparken vor dem Areal ermöglichte, schnelle Bändchenvergabe, kostenloser Transport von Zelten, Matten, Schlafsäcken, Bierpaletten per Traktor zum Camp sind wohltuende organisatorische Dinge, welche es gestatten, schnell die Notwendigkeiten abzuhandeln, damit man frustfrei in Festivalstimmung kommt.  Wobei die Wege in Geiselwind ohnehin keine langen sind. Entsprechend entspannt ging es am frühen Abend in die Eventhalle. FINSTERFORST donnerten ihren schwarz-melodiösen Pagan der ausgehungerten Schar Frühankömmlinge entgegen und wurden dank eines starken Auftritts entsprechend von ihren Fans abgefeiert. Mit Spannung erwarteten wir den Auftritt von CIVIL WAR. Immerhin gegründet von den vier Musikern, welche zehn Jahre lang erfolgreich Orgel, Felle und Becken sowie die 6-Saiter von Sabaton darstellten. Verstärkt durch den präsenten Nils Patrik Johansson am Mikro zelebrieren die Schweden seit 2012 ihren eigenen musikalischen Bürgerkrieg. Und dies tun sie mit sehr viel Leidenschaft und Profession und einer gehörigen Portion Power und Spielfreude. Die Stimme erinnert zuweilen etwas an den seligen Ronnie James Dio. Auch aktuell ohne Bassisten konnten die fünf Powermetaller ihr Publikum überzeugen.

Tag 1: Rasanter Auftakt mit Kürbis zur Stunde Null

Scharfer Start am Donnerstag. Hitze über Geiselwind und FYLGJA lockte das erste Publikum vor die Bühne. ACCUSER mit ihrem kompromisslosen Thrash gewann die ersten Tausend Zuhörer. Solide Auftritte im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Und nun, liebe Veranstalter, stelle ich euch einmal die rhetorische Frage: Kauft ihr euch einen Porsche, um damit durch die Fußgängerzone zu rollen? Ganz sicher käme keiner auf diese Idee. Warum aber habt ihr BLOODBOUND für eine halbe Stunde auf diesen Slot gesetzt? Eine Band, die jeweils ein durch Nightwish, Gamma Ray und Sabaton aufgeputschtes Publikum weit nach Mitternacht zum Verzücken abräumt, welche als Vorband Größen wie U.D.O. und Sabaton ihr Publikum bestens temperiert übergibt, die gehört dort einfach nicht hin. Weder mit der kurzen Spielzeit noch zu dieser Tageszeit noch Indoor. Patrik Johansson und die Olsson Gitarrenbrüder und Co. nutzten den Auftritt dennoch, um weiter für sich zu werben. Ihre kraftvoll vorgetragenen Gassenhauer des melodischen Powermetal rockten das Publikum in der Eventhalle.  Spätestens jetzt sollte es auch in Geiselwind verstanden worden sein, wo die sechs Schweden hingehören. Abendprogramm! Hauptbühne!  Auf selbige durfte im Anschluss daran INSOMNIUM, gefolgt von Feuerschwanz, welche mit einer wunderbaren Show die nun endgültig unter fränkischer Sonne schwitzenden Massen zum Mitsingen und Mitlachen brachten. Jungs, das hat richtig Spaß gemacht! Diese Stimmung nutzten dann die GRABRÄUBER (GRAVE DIGGER), um Herrn Boltendahl, um zumindest ansatzweise Sternstunden des New Wave of German Heavy Metal zum Besten zu geben. Spaß hatte man dabei auf und vor der Bühne.  Es folgten VARG in der Halle und CARCASS auf der Mainstage. VARG ungewohnt nett, CARCASS mit viel Biss und Aggressivität. Daumen hoch dafür. SUBWAY TO SALLY habe ich mir nicht gegeben, einesteils waren sie schon auf viel zu vielen Hochzeiten präsent, andererseits hauen sie mich trotz hohen Engagements und Könnens nicht vom Hocker.

Leidlich ausgeruht und in freudiger Erwartung der beiden letzten Bands des Tages, ging es wieder aufs Gelände. HELLOWEEN ließen zur mitternächtlichen Stunde keine Zweifel daran, warum sie um die Uhrzeit genau da oben stehen. Ein bunter schneller Strauß alter und neuer Gassenhauer auch in Uraufführung der aktuellen „My God Given Right“, ein Andi Deres in Bestform, textsicheres, feierfreudiges Publikum. Genau deswegen geht man auf solche Konzerte. Mehr davon bitte! ARCH ENEMY räumten dann das weitertosende Publikum mühelos mit einem soliden Auftritt ab. Tag eins war erfolgreich im Kasten.

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Tag 2: vor der Bühne und auf der Bühne Hitze pur

Freitag, schon um 9 Uhr, hielt es keinen mehr in den Zelten, weil Klärchen es viel zu gut mit dem Festival meinte. Damit trat dann auch das erste organisatorische Problem auf: Wie überbrückt man die Zeit bis 14 Uhr zur ersten Band? Reinigen, Entleeren und Befüllen der Besucher, was dank stationärer Sanitäreinrichtungen und frisch gereinigter ToiToi´s sowie dem Biertaxi gut organsiert war. Drei Bier in der prallen Sonne verursachen bereits am Mittag Erscheinungen, wie man sie sonst erst am Abend erwartet; nur gut, dass viele sich disziplinieren konnten. Für das nächste Mal wünsche ich mir einen Start der ersten Bands wenigstens gegen 11 oder 12 Uhr.  Wir haben uns für diesen Tag auf die Mainstage konzentriert, 15 Uhr als erste interessante Band MAJESTY. Neues Album, weg vom Image der Manowar-Klone zu mehr Eigenständigkeit, hat die Band unwahrscheinlich viel Spaß am klassischen Heavy Metal und bringt es sehr gut ans Publikum. In Sachen Spaß gab es im Anschluss daran von den Frankfurter Oldschool-Bier-Thrashern TANKARD noch mehr.  Ästhetisch ist ein Tankard-Auftritt ganz sicher nicht, aber das erwartet auch keiner. Vielmehr wird der opulente Bier-Ranzen von „Gerre“ gefeiert wie ein Dessous von Amaranthe. Wie er es schafft, mit diesem monströsen Körper bei 30 Grad so durchzushouten ist sehr bemerkenswert. Tankard ist Kult, Tankard ist brachialer Spaß, dem wurden sie vollauf gerecht.

Hinterher eine meiner Lieblingsbands. Robse als Preuße unter Bayern. EQUILIBRIUM ist so gut wie nie zuvor. Auch hier stehen die Kultur des Alkohols und nordische Geschichte(n) in den Texten oftmals im Vordergrund. Schnelle Riffs, epische Rhythmen, eingängige Melodien, dazu ein Robse mit ernsthaftem coolen Schalk im Nacken am Mikro und der bezaubernden Jen an ihrem 5-Saiter-Bass. Mit dem letztjährigen Album Erdentempel, dem Besetzungswechsel an Bass und zweiter Gitarre und massiver Bühnenpräsenz hat Equilibrium momentan einen Lauf, den keiner stoppen will. Und um Himmels Willen auch gar nicht soll. Stark, mitreißend, witzig.
Im Anschluss der Auftritt von J.B.O. Oberfranken-Spaß-Metal in Unterfranken. Über 25 Jahre Meisterwerke der Blödelei, auch eine Menge ihrer Frühwerke, die ich vor meinem 8. Gig bei der rosafarbenen Spaßbrigade noch nie live gehört habe. „Fränkisches Bier“ und „Schlumpfozid“ bedeutet heißere Kehlen und tränende Augen. Ich fand, es war ein Wahnsinnsauftritt und stand damit nicht allein da. Erholungsphase dann bei SKULL FIST. Zur Überbrückung sehr nett, gingen aber leider etwas zwischen den Giganten unter. Danach sehnsüchtig von den Meisten erwartet – HAMMERFALL. Ich muss zugeben, ich habe nie wirklich Zugang zu dieser Band gefunden. Trotz erstklassigem Songwriting, energiegeladener Shows. Irgendetwas in meinem Bauch springt bei den Schweden nicht so an, wie dies bei Sabaton oder Bloodbound passiert ist. Zu wenig Persönlichkeit, zu viel Mainstream? Ich kann’s nicht erklären, immerhin hat ein sehr starker Auftritt der Göteborger mir die Band etwas näher gebracht. Ohne Zweifel gehören sie zu den Höhepunkten des Festivals. Dieser folgte für mich persönlich mit den Abräumern des zweiten Tags: TESTAMENT! Das ist Urwüchsigkeit, das ist Authentizität und Kompromisslosigkeit, der Tritt in den Hintern der Herren Araya, Hetfield, Mustaine. Chuck Billy lieferte die Präsenz, Alex Skolnick und Mannen das Soundbrett. Sie begeistern nun schon mehrere Generationen Metalfans. Wer sie so live erlebt, weiß auch, warum. Bester Act – glückliches, erschöpftes Publikum – rundum gelungener Tag – mehr gibt’s nicht zu sagen.

Tag 3: Abschied im Wildtiergehege

Tag drei und damit die letzte Chance, auch einmal an der Newcomer Stage vorbeizuschauen. Vorher jedoch begeisterten erfrischend aufspielende DIABLO BLVD auf der Hauptbühne. Diese Band sollte man im Auge behalten, die Belgier haben dieses gewisse Potenzial, eine Karriere ähnlich Volbeat hinzulegen. Zwischen ROGASH in der Halle und DVALIN auf der gegenüberliegenden „Frischlings“-Bühne pendelnd, blieb ich bei letzteren hängen. Auch weil dieser Mix der Würzburger, der sich anhört wie eine Jamsession von In Extremo und Amon Amarth, ein gewisses Etwas hatte. Zurück auf der Hauptbühne dann BATTLE BEAST.  Eine zwar etwas überschminkte, dafür aber sehr gut aufgelegte Noora hatte in der Hitze keine Mühe, mit dem melodisch, kraftvollen, klassischen Liedgut der Finnen die Meute zum Headbangen zu bewegen. Mit ihrem Gassenhauer Out Of Control, ein Titel, den im Übrigen Sabaton und Wisdom von ihnen gecovert haben, wurde das Publikum zum Abfeiern an ALESTORM übergeben. Nirgends macht Metal-Folklore so viel Spaß wie bei den schottischen Piraten um Chris Bowes. Ein ALESTORM-Konzert macht keine Gefangen und hinterlässt Muskelkater, kratzende Stimmbänder und ramponierte Zwerchfelle. Zurück zu den Newcomern. Phallax wurde mir wärmstens empfohlen. Die Schwaben kamen sehr kraftvoll, melodiös und sympathisch rüber, witzelten angesichts des wenigen Publikums auch über sich selbst. Undankbarer Slot für eine verheißungsvolle Band, auch weil gegenüber in der Eventhalle sehr starke DESERTED FEAR eine Menge Leute anzogen. Im Anschluss auf der Mainstage MEGAHERZ. Kontrastreiche und kraftvolle Neue Deutsche Härte. Wer Rammstein und Eisbrecher mag, wird auch diese Münchner Band mögen.

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Gefühlswechsel. Wintersun, die Titanen des Melodic Death Metal. Mit nur zwei Alben in zehn Jahren Superstars der Szene, angeführt vom ehrgeizigen, aber bodenständigen Virtuosen Jari Mäenpää. Was ist in Skandinavien anders, dass von dort so massiv hervorragende Bands hervorkommen? Inspiration langer dunkler Winternächte bestens genutzt und musikalisch umgesetzt. Die obligatorisch ersten drei Titel im Fotograben bedeuten bei Wintersun das halbe Konzert vor der Bühne. Das hätte man der Security auch mal stecken können. Ein gewohnt souveräner Auftritt, der die Zeit des langen Wartens bis zur Veröffentlichung von „Time II“ etwas überbrückt und vielleicht frisches Geld für den technikverschlingenden Jari bringt. Nach einem Wintersun-Auftritt geht man nicht gleich zur Tagesordnung über, sodass ASPHYX den Zweiten machte. Durchatmen also für OVERKILL. Zuletzt hatte ich sie 2005 auf dem Lausitzring erlebt, jetzt nun mit Abstand und viel Spannung von mir erwartet. Und ein Bobby Ellsworth enttäuscht mit seinen Männern nicht, auch wenn es anscheinend ein paar technisch-konditionelle Probleme beim Frontmann der New Yorker gab. Das Publikum honorierte den kompromisslosen Ostküsten-Thrash, OVERKILL wurde frenetisch abgefeiert.

Als Headliner und Rausschmeißer des diesjährigen „Out and Loud“ wurden die Brixener Jungs von Freiwild vom Veranstalter verpflichtet. Eine mutige Entscheidung, die medial umstrittene, im Deutschrock jedoch unumstrittene Nummer 1 bei einem Heavy Metal Festival aufspielen zu lassen. Philipp Burger und seine Jungs, mit neuem Top-1-Album und einer gerade absolvierten, ausverkauften Hallentournee im Gepäck, wollten es auch hier wissen und boten einen soliden Auftritt mit Songs aus 14 Jahren Bandgeschichte. Musikalisch zwischen treibendem Hardrock und balladesken, mit Ska-Elementen  gespickten Songs, fast jeder davon ein Mitgröhler. Texte zwischen Banalität, Nostalgie und brutaler Gesellschaftskritik. Vielleicht ein Tick zu viele rechtfertigender Ansagen von Philipp, dem ich getreu einem seiner Songs sagen möchte: „Wer weniger redet, macht länger Musik“. Leider gab es auch hier auf dem Festival einige unverbesserliche Klischeereiter, welche mit Becherwürfen, vereinzelten Pfiffen, lächerlicher 15-Mann-Spontandemo mit Boykottappell und dem Stinkefinger und Pöbeleien gegen das Freiwild-Merchandising, sich mit sehr viel „Ruhm“ bekleckert haben. Ich persönlich schäme mich für solche intoleranten Leute, was immer sie auch damit bezwecken wollten. Dem Gesamteindruck des Freiwild-Auftritts wie dem gesamten Festival tat dies aber keinen Abbruch.
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass wir in Geiselwind ein sehr gut organisiertes Festival, von guter Versorgung über entspannte und freundliche Security, sehr schöner Location bis hin zu einem fantastischen Line-Up erleben durften. Das macht Lust auf das kommende Jahr.

Text und Fotos: Axel Matthees

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