Metal in Ketten: Die Dark Troll Night im Puschkin

Die Sonne macht langsam Platz für die Dunkelheit. Nach und nach reisen sie an, die dunklen Trolle, versammeln sich vor der hölzernen Pforte des Club Puschkin in Dresden. Der Einlass verzögert sich, brummt eine Stimme, während von drinnen ein Kesselmeister seines Amtes waltet und nach draußen trommelt, dass der Soundcheck noch im Gange ist. Als das Abendrot dann kräftig leuchtet, ist es soweit: Die Dark Troll Night bricht an. Das Publikum rüstet sich mit Bier und ersten Attacken auf den Merch-Stand für ein grollendes Unwetter.

Nachdem auch die letzte Klinke ordentlich sitzt, verwandeln sich die ersten fünf Mannen des Abends mit düsterem Corpse Paint in wilde Krieger. Der Hellcommander lässt die Meute zwischen den Säulen des Puschkins wissen, dass mit Black Metal nicht zu spaßen ist. Irgendwann findet auch das Licht den zweiten der Gitarristen. Ohne viel Federlesen packen „Blutsturm“ ihren schwarzen Klappspaten aus und vergraben die Ohren der Zuhörer in tiefem Raunen. Dass es keine Begrüßung gibt und auch sonst kein Wort ans Publikum fällt – nun ja, Black ist eben kein Flauschmetal; alles, was zählt, sind die menschlichen Abgründe und was sie hinterlassen. Das nämlich ist vorrangig Thema der Dresdner Band, die neben Grunz auch Melancholie beherrscht. Die Kombination aus nordischer Klangmanier und melodischem Tiefgang in tiefschwarzem Gewand räumt ab. Wie es scheint auch die PA – denn leider versinkt das musikalische Spektrum in einer dürftigen akustischen Ausgabe. Der Tonmann aber gibt sein Bestes, und das auch bei den folgenden Bands.

Mit „Schlachtmusik“ nehmen Firtan die Publikumstrolle mit nach Ragnarök. Die Band hat sich Gedanken gemacht: „Eine alte Sage erzählt, dass eines Tages die Nornen aus den besten Barden der Lande fünf auswählen werden, die als Verbund unter dem Namen Firtan die Schlachtmusik am Ragnarök spielen werden….nun…die Sage erfüllte sich, als vor nicht allzu langer Zeit die Walküren Valhöll verließen um die fünf tapferen Helden zu erwählen.“, liest man in der Beschreibung der Pagan-Metaler. Der Wald sei ein Einfluss, und Eisregen. Ob damit die gleichnamigen Musiker oder doch eine Wettererscheinung gemeint ist, weiß man nicht – die Einherjer in Walhall dürften jedenfalls genauso Gänsehaut bekommen haben wie das Publikum im Puschkin. Firtan ließen die Säbel durchs Gehör rasseln und trollten sich leider viel zu schnell wieder von der Bühne. Dass sich Firtan nicht nur mit Storytelling, sondern auch einer optischen Geschichte befasst haben, macht sich in einem schick gestalteten Bühnenbild bemerkbar. Das 08/15-Banner wird hier durch kunstvoll bemalte Eyecatcher abgelöst. Odin verpflichtet eben.

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Episch schreiten auch Ahnengrab durch den Gehörgang. Bombastische Melodien erschüttern nun das Puschkin. Sänger Fenris beherrscht den Wechselgang zwischen schmetternden Screams und dumpfem Stimmbandwumms. Man spürt die Live-Erfahrung der Frankfurter, nicht nur die Gitarrensaiten schwingen auf hohem musikalischen Niveau – Ahnengrab entzünden ein heißes, schwarzes Paganfeuer und donnern mit aggressiven Riffs nach vorn. Kein Wunder, immerhin schreddert hier Riger-Saitengott Christoph Hellmann über den Klampfenhals. Der Titel des aktuellen Albums „Omen“ darf also gern wörtlich verstanden werden, Ahnengrab sind für Fans von Pagan mit Black-Nuancen und einer Prise Folk eine hörenswerte Lichtgestalt.

Licht bringen auch die Thüringer Heidenmetaler XIV Dark Centuries mit. Das Sextett blickt im Roster des Abends auf die längste Biografie zurück und war schon mit Bands wie Menhir und den Apokalyptischen Reitern unterwegs. Mit ehrbarem Gesang schwingt Frontmann Michel schon mal den Schild und überliefert mit kraftvoller Stimme Mythen naturreligiöser Vorfahren oder Episoden aus der Thüringer Geschichte.

Die Dark Troll Night endet gespenstisch: Zu majestätisch vorgerückter Stunde kehren Agrypnie mit tragendem Post Black Metal die Meute aus dem Club. Die sechs Recken haben bereits ihr viertes Album in der Tasche und bieten einen würdigen Abschluss dieses langen Konzertabends dar.

Alles in allem ist man zumindest gedanklich nun selig auf dem Dark Troll Festival (14. und 15. Mai) angekommen. Dresden verdient Veranstaltungen wie diese mehr denn je. Allein am Ort sollte man vielleicht noch mal feilen: Dem klangkräftigen Line-up des Abends hätte ein dem Genre affinerer Club gut getan. Metal braucht Raum, insbesondere in den Stilrichtungen Black und Pagan. Im Puschkin wurden den Musikern leider akustische Ketten angelegt. Doch wenn sich die Sonne im nächsten Jahr wieder vor den dunklen Trollen verneigt, tut sie dies hoffentlich an einem Ort, der es mit Walhall und Co. auch am Mischpult aufnehmen kann.

Text: Frances Heinrich
Fotos: Alexander Krüger

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