Musik mit Her(t)z … Coppelius im Interview

Sie sind die wahren Begründer der Rockgeschichte. Als die Herren Coppelius im Jahr 1815 Cello, Contrabass und Clarinette mittels galvanischer Amplifikation auf eine bis dahin ungeahnte Lautstärke brachten, veränderten sie die Musikwelt grundlegend. Zum 200-jährigen Jubiläum sind sie mit ihrem neuen Tonträger „Hertzmaschine“ wieder auf Konzertreisen, um das Publikum abermals in Hysterie zu versetzen.

Szenechecker (SC): Zunächst einmal Gratulation zum neuen Album „Hertzmaschine“! Wie kam es zu der Idee der „Hertzmaschine“?

Graf Lindorf (G.L.): Oh, vielen Dank! Wir hatten Anfang des 19Jh. die Idee oder vielmehr die Hoffnung, uns mit dieser Maschine die lästigen Pferdewechsel an den Poststationen ersparen zu können. Jedoch waren mehr noch als Pferdestärken hohe Dezibelwerte das Ergebnis. Wir modifizierten daraufhin die Maschine derart, daß wir ihr einen menschlichen Faktor hinzufügten und sie fortan als Amplifikationsmaschine nutzen konnten, was uns während der napoleonischen Kriege große Vorteile im Hinblick auf Aufführungslautstärke verschaffte. Passend zu unserem 200-jährigen Jubiläum anläßlich der Schlacht von Waterloo (was für eine Show!) wollten wir 2015 einmal an unsere frühe Erfindung erinnern.

(SC): Das Album punktet auch durch ein besonderes Artwork sowie schicke Zeichnungen der Maschine. Wer ist dafür verantwortlich?

G.L.: Bastille wird in aller Regel mit solchen Dingen beauftragt und er hat es wieder mit Bravur erledigt, wie ich finde.

Nobusama (N): Da kann ich nur zustimmen! So einen vielseitigen Butler findet man nicht noch einmal.

Coppelius HERTZMASCHINE Cover gr

(SC): Existiert die „Hertzmaschine“ tatsächlich und kann sie vielleicht auf den kommenden Konzertreisen bewundert werden?

G.L.: Als die Maschine erfunden war, wurde uns neben der Erkenntnis, daß sie uns wohl eher beim Thema Lautstärke als Pferdestärke behilflich sein würde, auch schnell klar, daß der Transport nicht gerade einfach sein würde. Bei den heutigen Brennstoffpreisen werden wir uns dies wohl kaum leisten können. Außerdem hat sie ja nun schon 200 Jahre auf dem Buckel und wir wollen doch keine Einzelteile verlieren…

Max Coppella (M.C.): Aber es gibt schon eine Planung für eine andere Maschine, man wird diese bestimmt bald bewundern dürfen. Ich möchte gerne den Comte darin verschwinden lassen.

(SC): Woher stammen die ganzen Inspirationen für die Stücke von Coppelius?

N.: Meiner Beobachtung nach haben meine Musikkollegen einen Hang zum Drama. Das reicht aus und ist Inspiration genug.

M.C.: Was?! Wie können Sie so etwas behaupten, ich kann so nicht leben, geschweige denn arbeiten!!! Ich will nicht mehr und werde mich wirklich bald aus dem Fenster…

(SC):  Generell gesehen, was ist bei den Songs von Coppelius zuerst da: die Musik oder die Texte und Inhalte?

G.L.: Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal ist es ein Gefühl, daß nach einem musikalischen Thema schreit. Manchmal eine Melodie oder ein Riff, bei dem sich ein Text förmlich aufdrängt und manchmal gibt es einen tollen Text, bei dem man solange nach der Musik forscht, bis man sie gefunden hat.

M.C.: Ich sage: das Ei, während der Comte immer das Huhn präferiert.

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Max Coppella

(SC): Auf dem Album „Hertzmaschine“ gibt es einen fast gleichnamigen Song namens „Herzmaschine“ allerdings im Gegensatz zum Albumtitel nicht mit „tz“ in der Mitte. Gibt es dafür eine Erklärung?

G.L.: Was es mit der Hertzmaschine (mit „t“) auf sich hat, haben sie weiter oben erfahren – das ist quasi eine historisch gewachsene Notwendigkeit orthographischer Verwirrung, während die Herzmaschine (ohne „t“) thematisch – wenngleich sich in einem ähnlichen Feld bewegend – doch ein anderes Thema als Mittelpunkt hat.

Coppelius veröffentlichen mit „Killers“ eine weitere Coverversion eines „Iron Maiden“ Songs. Oder ist es anders herum? Woher kommt dieser Bezug zu der englischen Metal-Band?

G.L.: Dankenswerterweise haben Sie Ihren kleinen faux-pas gleich selbst korrigiert – viele Journalisten glauben immer noch an Coverversionen unsererseits. Irgendwann befanden Iron Maiden einen Teil unserer Kompositionen für nachspielenswert. Da sich in den 70er & 80er Jahren mit den neuen klanglichen Möglichkeiten auch ein anderes Spielgefühl einstellte, wurden diese Nummern allesamt zu irgendwie Iron Maiden-artigen Stücken. Wir betrachten dies jedoch mit einer uns inzwischen eigenen Gelassenheit.

N.: Ich mag Stücke, bei denen ich mich am Schlagzeug so richtig auspowern kann und das kann ich bei „Killers“ besonders. Jetzt wird unser Graf Lindorf gleich komisch gucken, wenn ich das sage: Das knallt richtig!

M.C.: Der Comte hat Angst vor Bastille bekommen, als dieser das sang. Aber es hat leider nicht ausgereicht, um ihn endgültig zu vertreiben.

(SC): Der Song „Das Experiment“ endet recht abrupt. Man darf doch hoffen, dass dem „Herrn Professor“ dabei nicht wirklich etwas zugestoßen ist oder?

G.L.: Genau davon habe ich während der Aufnahmen gesprochen: der Zuhörer könnte meinen, den beiden sympathischen Protagonisten sei ernsthaft etwas zugestoßen. Aber anstelle von Sirenen oder eines requiem-artigen musikalischen Abschlußes haben wir dann das bei den Stunt-Explosions-Tonaufnahmen eingefangene Hüsteln des Professors und seines Gehilfen verwendet. Bis auf ein paar Abschürfungen und ein paar Tage eingeschränkten Hörens, ist weiter nichts passiert.

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Comte Caspar

(SC): Wie gedenken die Herren diesen Song auf der Bühne umzusetzen? Darf man sich hier auf eine „explosive“ Show freuen?

G.L.: Darüber haben wir uns ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht. Zugegeben: es ist etwas schwierig, heutzutage unbehelligt Dynamit zu erwerben; ganz zu Schweigen von den verständlicherweise zu erwartenden Einsprüchen seitens der örtlichen Veranstalter. Lassen Sie uns darüber nachdenken!

M.C.: Sie werden es doch nicht übers Herz bringen, mich auf der Bühne mit Dynamit…

N.: Wie ich vorhin schon erwähnte: Das knallt richtig.

(SC): Was erwartet den geneigten Zuhörer sonst noch auf der anstehenden Konzertreise?

G.L.: Das ist bei einer Coppelius-Show eigentlich nicht wirklich vorauszusagen. Wir werden natürlich die neuen Stücke (wenngleich nicht alle dabei sein werden) im Gepäck haben. Aber das Beste ist es immer noch, sich überraschen zu lassen und eine echte Live-Show mit ausschließlich handgemachter Musik zu erleben.

M.C.: Ich hätte ja sehr gern etwas mehr Feuer auf der Bühne, z.B. ein Feuerwerk mit Dynamit aus des Comtes Klarinette.

(SC): Im Jahr 2013 haben die Herren Coppelius das erste Mal in Wacken gespielt. Welche Eindrücke sind davon hängengeblieben?

G.L.: Ich fand es grandios! Als wir an der Bühne ankamen, waren wir erschrocken, daß die Bühne in ihren Ausmaßen unserem Auftritt nicht gebührt und daß kaum Menschen in der Umgebung zu sehen waren. Als wir jedoch unsere Show starteten, war alles ganz anders: schätzungsweise 3000 Leute drängten sich an einer kleinen Bühne mit einer für diese Massen nicht geeigneten Tonanlage. Wir hätten vielleicht damals doch unsere Hertzmaschine mitnehmen sollen.

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Graf Lindorf

(SC): Wo spielen die Herren Coppelius generell lieber, auf großen Festivals oder in kleinen Clubs? Oder vielleicht noch an ganz anderen Orten?

G.L.: Eine allgemeine Antwort läßt sich wie so oft nicht guten Gewissens geben. Große Festivals oder kleine Clubs haben jeweils ihre Vor- & Nachteile. Man muß sich den Gegebenheiten von der positiven Seite nähern, dann wird man beides mögen. Auf den Festivals z.B. sieht man viele Fans und auch Leute, die uns bemerkenswerterweise bis dahin noch nicht auf der Bühne erlebt hatten, es ist in der Regel viel Platz auf der Bühne und es herrscht im allgemeinen ein Gefühl, wie man es nur in so einer großen „Community“ erlebt. In den Clubs hingegen ist man beispielsweise den Fans viel näher und kann sich für alles mehr Zeit nehmen. Worauf es aber immer ankommt, ist der Spaß auf der Bühne und daß man den Fans etwas ehrliches zu bieten hat.

N.: Ich persönlich bevorzuge die großen Bühnen, da ich dort ohne Rücksicht auf meine Kollegen auf mein Schlagzeug trommeln kann.

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Nobusama am Schlagzeug

(SC):  Coppelius werden oft dem „Steampunk“ zugeschrieben. Wie würden die Herren denn ihre Musik selbst beschreiben?

G.L.: Wir haben im Laufe der Jahrhunderte so oft erlebt, wie man uns in verschiedenste Kategorien einzuordnen versucht hat. Die Bezeichnungen reichten von Teufelswerk, Düsterromantik, Holz-Rock und weiteren im Übrigen zu jener Zeit immer verbotenen Musikstilen. Erst in der jüngeren Geschichte hat man sich noch absurdere Kategorien ausgedacht: Mittelalter (hierbei kann ich nur vermuten, daß die Unkenntnis der Tatsache, daß das Mittelalter nicht die gesamte Zeit vor dem zweiten Weltkrieg beinhaltet, daran Schuld ist), Gothic (wenn man es genau nimmt, ist das eigentlich wirkliches Mittelalter), Kammer-Core (das fand ich immer witzig – nur konnte damit leider niemand etwas anfangen) usw. Daß man uns nun dem Steampunk zuschreibt, ist nicht wirklich verwunderlich, denn in der Tat stammen wir aus einer Zeit, in der elektrische Energie noch nicht entdeckt war, aber soweit ich weiß, ist Steampunk keine Musikrichtung. Egal! Sie merken schon, es ist verdammt schwierig, uns zu klassifizieren. Ich bin schon zufrieden, wenn man sich den Namen COPPELIUS merkt, denn es gibt keine passendere Beschreibung.

(SC): Gibt es einen Künstler, mit dem die Herren Coppelius gern mal zusammenarbeiten würden? Falls dem so ist, warum sollte es gerade dieser sein?

M.C.: Also ich würde am liebsten immer nur mit mir selbst arbeiten und ärgere mich jedesmal beim Blick in den Spiegel, daß es so wenige Max Coppellas gibt und ich so wenig Zeit für mich habe.

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Bastille

(SC): Worauf darf man sich in diesem Jahr aus dem Hause Coppelius noch freuen? Man munkelt, die Herren Coppelius würden ein Theaterstück planen.

G.L.: In der Tat sind wir kaum, da das neue Album veröffentlicht ist, damit beschäftigt eine alte Opernkomposition unsererseits zu entstauben und eine Steampunk-Rock-Oper (oder wie auch immer es dann genannt wird) auf die Bühne des Musiktheaters Gelsenkirchen zu bringen. Eine Oper von und mit Coppelius! Premiere ist der 14. November 2015! Merken Sie sich den Termin und die weiteren, die darauf folgen.

M.C.: Jetzt haben Sie ja verraten, wo die Maschine erscheinen wird, in der ich den Comte verschwinden lassen will!!! Ich kann so nicht arbeiten, ich will nicht mehr und stürze mich bald wirklich aus…

(SC): Das letzte Wort gebührt den Herren Musikern und Sängern.

Bastille: Coppelius hilft!

Danke für das Interview!

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Interview: Fabian Bernhardt & Karsten Henze
Titelbild & Cover: Coppelius
Konzertfotos: Karsten Henze (aufgen. 2013 beim WGT)

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