Auf „Vintar“ eingestimmt … Interview mit Obscurity

Alles anders oder doch nicht? Mit „Vintar“ schicken Obscurity ihr neuestes Werk ins Rennen. Eine innovative und doch genretypische Story sowie brachialer Sound zeichnen das Album aus. Im Interview plaudert Sänger Agalaz sprichwörtlich aus den Nähkästchen und gibt einen Einblick in die Arbeit der Band und die Pagan-Metal-Szene.

SzeneChecker (SC): Euer neues Album trägt den Titel „Vintar“, der sich aus dem skandinavischen „Vinter“ und dem altdeutschen „Wintar“ zusammensetzt. Warum habt ihr euch für diese Wortneuschöpfung entschieden?

Agalaz (A): Berge Romerijke an alle Leser und vielen Dank für das Interview. Wir haben uns bewusst für diese Wort-Kombination entschieden, in Hinsicht auf das lyrische Konzept welches den Hörer durch das Album führt, steht diese „Wortschaffung“ für die geeinten überlebenden Völker, die nach dem Ragnarök eine neue kulturelle Gesamtheit bilden. In den dunklen Tagen nach der Götterdämmerung, kann nur eine gut funktionierende Gemeinschaft etwas Neues aufbauen und erschaffen. Ein Zusammenschluss ist unabdingbar um zu überleben. „Vintar“ steht stellvertretend für dieses starke germanische Bündnis, für einen neuen Bruderschwur! Es war für uns also ein logischer Schritt, dem Album diesen Namen zu vergeben.

SC: „Vintar“ dreht sich um die schon oft und von vielen Bands besungene nordische Mythologie, setzt aber doch einige neue Akzente. Ist es aus eurer Sicht schwer diesem Stoff immer noch etwas neues abzugewinnen oder bieten die Geschichten um Wotan und co. aus eurer Sicht noch immer genug Raum, um hieraus ohne Probleme immer wieder neue Geschichten zu erfinden?

A: Genau das ist es! Wie du richtig sagst, gibt es unzählige Bands, uns eingeschlossen, die viele ihrer Texte/Konzepte basierend auf die nordische Mythologie und Göttersagen verfassen. Das finde ich grundsätzlich legitim und nicht schlimm oder ausgelutscht. Sicherlich ist einiges bereits sehr ausgedroschen und vielleicht auch zu plakativ überbehandelt worden. Doch gerade im Pagan-/Vikingbereich und auch anderen Bereichen (s. z. B. Amon Amarth, Unleashed) gehört die nordische Mythologie dazu, wie der Whisky zu Lemmy, haha. Ich hatte schon einigen Jahren die Idee, die in überlieferten Sagen und Erzählungen gesteckten Grenzen zu durchbrechen und weiter fort zu spinnen, eine Agalaz-Edda zu erschaffen, haha. Ein neues Umfeld für textliche Umsetzungen zu kreieren, losgelöst von vorliegenden Grundlagen, das ist das Ziel hinter Vintar. Vintar basiert auf der nordischen Mythologie, ganz klar, beschreitet dann aber einen neuen, eigenen fiktiven Pfad, die Erzählungen um Wodanheim. Es gibt viele gute Bands, die ähnliche Ideen, Vorstellungen und Phantasien haben und solange die „Träumer“ nicht ausstreben, kann man meiner Meinung nach, sehr viel neues und interessantes Text-Potential in den alten Göttersagen finden.

SC: Das Albumcover stammt von Jan Yrlund. Wie lief die Entstehung ab? Habt ihr ihm eure Ideen und Vorschläge geschickt oder hat er das einfach anhand von Texten und Musik entwickelt?

A: Jan hat für uns schon das Tenkterra Album gestaltet und uns war klar, dass er der Richtige ist um unser „Vintar-Konzept“ umzusetzen. Seine Arbeit ist sehr detailgetreu und realistisch, zudem ist Jan sehr akribisch, das waren für uns wichtige Argumente! Wir haben Jan unsere Vorstellungen vorgelegt und er hat diese wirklich perfekt umgesetzt. Da mein Finnisch leider etwas eingerostet ist, sah ich mich nicht in der Lage die Texte, mit denen er hätte arbeiten können, in seine Landessprache zu übersetzten, haha! Er hat von mir eine grobe Übersicht der Themen anbei bekommen und sofort losgelegt. Im Übrigen wollten wir dieses Mal kein dunkles Cover umsetzen, das hatten wir schon viel zu oft. Nicht nur mit dem lyrischen Konzept sollte ein neuer Weg beschritten werden, sondern auch mit dem Cover. Es ist sehr „vintarlich“ gehalten, welche Überraschung, aber keine Angst, es ist kein Weihnachtscover geworden, hehe. Jan wollte mir einfach keine Weihnachtskugeln einbauen, verdammt! Wie erwähnt, haben wir Jan einige Vorgaben gemacht, was uns aber gleichzeitig wichtig ist, dass jeder Künstler seine Freiheit hat sich selbst einzubringen und hier hat Jan sich wie erwartet, wieder selbst übertroffen. Danke nach Finnland!

Obscurity-vintar

SC: Alle eure Songs sind in deutscher Sprache geschrieben. Kommt euch das entgegen, weil es einfach eure Muttersprache ist oder ist es auch eine bewusste Entscheidung in Bezug auf den Inhalt der Songs?

A: Das ist richtig und bewusst eingesetzt von uns. Wie allerseits bekannt, ist die Deutsche Sprache eine gefühlt „harte“ Sprache. Gerade unsere „kriegstreibenden“ lyrischen Ergüsse, lassen sich in unserer Muttersprache angemessener und authentischer vertonen. Die Deutsche Sprache erzeugt einfach eine „aggressivere“ Grundstimmung. Es ist für mich persönlich eminent wichtig, dass ich die Texte und derer Inhalte entsprechend an den Zuhörer weitergeben kann. Ich muss persönlich ein „gutes“ Gefühl haben, um an entsprechenden Stellen eine angemessene Stimmung erzeugen zu können und meine eigenen Empfindungen transportieren zu können. Englische Lyrics sind für mich persönlich immer etwas „schwammig“ und „soft“, das klingt immer irgendwie nach Kindergartenausflugslied, haha. Wobei ich die Englische Sprache und Bands die diese nutzen nicht abwerten möchte, also bitte nicht falsch verstehen. Ich bin der Meinung, dass uns die Deutsche Textkunst gut zu Gesichte steht und wir gut damit fahren. Auf älteren Alben kam die Englische Sprache öfter zum Einsatz, mittlerweile ist es verschwindend gering, was aber nicht heißt, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt nicht darauf zurückgreifen werden. Es muss aber passen. Vielleicht machen wir ja mal zu Ehren unseres Möchtegern-Spaniers Cortez, einen Spanischen Text, haha.

SC: Wie seid ihr an die Komposition des neuen Albums rangegangen?

A: Wir haben grundsätzlich keine bestimmte Herangehensweise, bzw. einen strikten Plan. Natürlich gibt es konkrete Vorstellungen in welche Richtung das Ganze tendieren soll/kann. Jeder bei Obscurity kann seine eigenen Ideen, Vorstellungen und Wünsche miteinbringen, es gibt bei uns kein Mastermind, der die Richtung und Schlagzahl vorgibt. Wir sitzen oft im Proberaum zusammen und spielen uns die Finger, bei dem ein oder anderen Bierchen wund. Wenn sich dann ein gutes Riff oder Melodie in unsere Köpfe gebrannt hat und wir schon beim Spielen ein gutes Gefühl dabei haben, bauen wir um dieses Grundriff einen Song, ähnlich wie bei Malen nach Zahlen, haha. Es kommt nicht selten vor, das einer unserer beiden Axtschwinger mit einer Idee in den Proberaum einfällt und wir uns dann vor Ort am Objekt versuchen. Ab und an habe ich dann auch noch einen Geistesblitz und streue das ein oder andere Riff ein. Es ist bei uns auch nicht strikt nach Instrumenten unterteilt soll heißen, auch unserer Drummer beteiligt sich am Songwriting der Klampfen und andersherum. Obscurity funktioniert nur im Kollektiv und so wird es auch bleiben. Der einzige Aspekt, der vor Beginn des Songwriting zu Vintar zu einem großen Teil feststand, war das lyrische Konzept. Ansonsten kann man sagen, wir machen es wie viele Bands die Spaß an der Mucke haben, man trifft sich und fängt an die eigenen Ideen umzusetzen.

SC: Gab es spezielle Inspirationen für das neue Album?

A: Teils teils. Ich persönlich habe in all den Jahren einige Bücher über die germanische/nordische Mythologie, Göttersagen, Dichtkunst und germanische Geschichte verschlungen. Bei meinen Mitstreitern verhält es sich ähnlich. Hierzu gehören natürlich auch Werke über das Bergische Land. Damit ist ein grober Rahmen gesteckt. Diese Inspiration, in textlicher Hinsicht, ist allerdings eher als „Richtlinie“ oder roter Faden zu sehen und wird natürlich durch eigene Vorstellungen, Phantasien, Ideen und „positive Spinnereien“ erweitert. Ich finde es sehr interessant bei der „Was wäre wenn-Frage“ anzusetzen. Hierauf gründet sich auch die Geschichte von Vintar. Basierend auf reale zeitliche Überlieferung, spinnt Vintar das fiktive Grundgerüst der Zeit nach dem Ragnarök, wie ich sie mir nach meiner „Was wäre wenn“ Frage vorstelle, eben losgelöst von einem strikten geschichtlichen Rahmen. Musikalisch ist es ähnlich. Wir alle sind mit Bands wie z. B. Bathory, Unleashed, Dismember, Slayer, Immortal usw. groß geworden. Auch hier wird einiges in unseren Bergischen Hirnen hängen geblieben sein, was uns im Nachhinein inspiriert hat. Es ist aber so, dass wir gerade musikalisch schon immer unser eigenes Ding gemacht haben, unseren eigenen Weg gegangen sind und uns von keinem Trend verpflichten lassen, diesem zu folgen. Das bleibt auch so. Ich sage daher ganz klar, Inspiration hat bestimmt stattgefunden, aber Einfluss hat das auf unsere Musik und den Weg, den wir gehen, im minimalsten Maße genommen. Hier sind wir stur und eigen, Tenkterer eben, haha!

SC: Was inspiriert euch generell für eure Texte und Musik?

A: Wie bereits erwähnt, gibt es einiges an literarischer Inspiration. Doch viel, viel mehr inspiriert uns die eigene Phantasie, die eigenen Erfahrungen und unsere Vorstellung wie Obscurity zu klingen hat! Ich erwische mich oft dabei, wie ich durch das Bergische fahre und sich vor meinem inneren Auge Szenen manifestieren, die mich dann textlich und auch musikalisch beeinflussen. Es sind aber genauso die alltäglichen Erlebnisse die uns inspirieren und die wir dann in unser eigenes musikalisches Gewand verpacken. Auch hier gibt jeder von uns seinen Senf, in positiver Hinsicht dazu und jeder erlebt und verarbeitet die Einflüsse die auf einen einprügeln, auf seine ganz persönliche Art und Weise. Ich denke, das ist es auch was Obscurity so unberechenbar macht. Manche werfen uns vor, uns nicht (genug) weiter zu entwickeln oder nicht ausreichend neue Einflüsse in unsere Musik zu implementieren. Müssen wir das, wollen wir das? Sollte sich das nächste Album in allen Belangen vom aktuellen Hieb Vintar unterscheiden, wirft man uns dann „Verrat“ am Viking Metal vor? Ich kann nur nochmal sagen, wir wollen gar nicht das Rad neu erfinden oder den Worbantrieb umsetzen, daher versuchen wir uns auch nur von uns selbst inspirieren zu lassen. Das hat nichts mit Arroganz zu tun sondern eher mit dem Wunsch, seine eigenen Vorstellungen ohne Vorgaben umzusetzen zu dürfen.

SC: Als Band entwickelt man sich ja immer weiter. Habt ihr für das neue Album bestimmte Dinge anders gemacht als bei den Vorgängern?

A: Grundsätzlich haben wir nicht allzu viel geändert und Vintar unterscheidet sich auch nicht komplett von den Vorgänger Alben. Eines sind wir dennoch anders angegangen, die Aufnahmen an sich. Das war uns sehr wichtig, da wir die Produktion an sich, weit nach vorne bringen wollten. Im Bezug hierauf, haben wir uns in der Vorbereitung zu den Aufnahmen verstärkt damit beschäftigt, welches Equipment wir nutzen möchten, bzw. durch welches Equipment sich unsere Soundvorstellungen am ehesten umsetzen lassen. Wir haben z. B. einige Amps getestet und uns dann dazu entschieden dieses Mal zwei verschiedene Topteilteile für die Gitarrenaufnahmen zu verwenden. Dies hat deutlich mehr Druck und Präzession in die Produktion gebracht. Auch in Hinsicht auf den Drumsound und den Gesang, haben wir einige Dinge ausprobiert, die uns wirklich nach vorne gebracht haben. Tim Schuldt hat wieder einmal ganze Arbeit geleistet, der Junge ist echt ein absoluter Profi und bringt immer mehr seine eigenen Ideen, den Sound betreffend mit ein. Dadurch haben wir gerade in soundtechnischer Hinsicht, einige neue Pfade beschritten und diese Entscheidungen waren goldrichtig. Vintar ist mit Abstand das am besten produzierteste Album der gesamten Bandgeschichte geworden. Im Übrigen sind wir unserer Linie im Großen und Ganzen treu geblieben. Es gab aus unserer Sicht auch nicht viel zu ändern. In unserem hohen Alter, verabscheut man große Veränderungen, haha! Ach ja, wir haben uns dieses Mal dazu entschlossen ein „helles“ Cover zu verwenden. Ich glaube, das bricht uns das Genick und alle halten uns jetzt für eine Pop-Band, haha!

Obscurity-1

SC: Die Viking und Pagan Metal Szene ist sowohl in Deutschland als auch international ziemlich groß. Kennt man sich untereinander mit anderen Bands? Gibt es eher gute Zusammenarbeit oder auch Rivalitäten?

A: Hier kann ich nur positives berichten. Wir haben grundsätzlich keine Probleme mit unseren Mitstreitern, warum auch? Jeder hat seine eigenen Vorstellungen, seine eigenen Qualitäten. Es gibt viele gute Bands, viele gute Jungs und Mädels. Es darf auch kein Platz für Neid sein, an dieser Stelle, vielmehr sollten einige Entwicklungen eher als Ansporn dienen. Ich und auch meine Jungs werden uns nie erlauben, das Schwert des Richtens öffentlich über eine andere Band zu erheben. Ich kann aus persönlicher Erfahrung sagen, dass die meisten Bands ob bekannt oder weniger bekannt wirklich prima Musikerkollegen sind, einige sogar mehr als das. Ich erinnere mich sehr gerne an die Zusammenarbeit mit z. B. Arkadius (Suidakra), Stephan (Fjoergyn) oder Frost (Adorned Brood), um nur einige zu nennen. Es gibt natürlich auch in der Viking-Szene Ausreißer, die vergessen ahben, wo sie her kommen, aber das ist normal. Ich bin mir sicher, die Fans dort draußen, werden auch diese wieder auf den Boden der Tatsache zurückholen. Die Szene ist sehr homogen und funktioniert, mehr bedarf es nicht!

SC: Zum Schluss könnt ihr noch Grüße loswerden oder ein paar abschließende Worte an eure Fans und unsere Leser richten.

A: Ich möchte mich recht herzlich bei dir für das Interview bedanken und hoffe, dass ich mich gut geschlagen habe. Alle die jetzt denken, der Onkel Agalaz hat sie nicht alle, richtig, hat er nicht, haha! An alle Obscurity Fans und Bergische Löwen da draußen – unser weg ist noch nicht zu Ende, wir werden noch viele Schlachten mit euch gemeinsam schlagen. Einige Ziele haben wir schon erreicht, viele Ziele werden noch gesteckt werden und hier werden wir gemeinsam an der Umsetzung arbeiten, da bin ich mir sicher! Danke für die Jahre der Unterstützung! Wir sehen uns – Berge Romerijke!

Danke für das Interview!

Interview: Karsten Henze

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