Despairation im Interview … 20 Jahre, neues Album und sonst so?

Das Trio Martin F. Jungkunz, Jens Reinhold und Sascha Blach blickt bereits auf 20 Jahre Bandgeschichte zurück. Ihr neues Album besticht nicht nur durch musikalische Brillanz und inhaltlichen Tiefgang, sondern bietet obendrein auch noch ein stimmungsvolles Artwork. Grund genug noch ein bisschen näher nachzufragen…Das neue Album „New World Obscurity“ ist in der Zeit ab 2011 entstanden. Nach dem Ausstieg eures Keyboarders Christian Beyer ist euer Sound zwangsläufig etwas gitarrenlastiger geworden. Hattet ihr mal dran gedacht ihn zu ersetzen oder war es für euch auch die Chance euren Sound etwas zu ändern, die ihr bewusst genutzt habt?

Jens: Nach dem letzten Album („A Requiem In Winter’s Hue“, 2008) nahmen wir uns erstmal eine Auszeit. Allerdings war damals schon klar, dass – wenn wir mit der Band weitermachen wollen – eine musikalische Neuausrichtung erfolgen sollte. Wir wollten moderner, direkter, härter werden, uns eher unserem Live-Sound annähern. Christians Ausstieg wurde allerdings erst zum Thema, als das Songwriting für die neue Platte schon in vollem Gange war. „NWO“ hätte mit ihm sicherlich anders geklungen, aber die kantige, reduzierte Version von Despairation gefällt mir ausgesprochen gut.

Martin: Man kann dem noch hinzufügen, dass manche der Songs bereits in den Sessions zur letzten Platte entstanden sind, also noch mit Keyboards. Bereits da hat sich aber angedeutet, dass die Songs härter und roher werden würden.

Die Texte von Despairation sind durchgängig englisch. Damit erreicht ihr potentiell ein breiteres Publikum als mit deutschen Texten. Gibt es noch weitere Aspekte, die für Desparation gerade englische Texte passend machen?

Sascha: Es steckt dahinter kein Kalkül. Despairation war seit jeher Englisch, wir haben damit als Teenager angefangen, weil damals alle unsere Vorbilder Englisch gesungen haben. Deswegen stellte sich die Frage nach deutschen Texten gar nicht. Das nun zu ändern, wäre albern. Englische Texte sind einfach Teil des Despairation-Sounds. Außerdem ist es für mich als Texter interessant, auch mal englische Lyrics zu schreiben, da ich ja schon genug andere Bands habe mit deutschen Texten.

Despairation_2014-2

Gibt es einen Unterschied zwischen der Herangehensweise an Texte in deutsch und in englisch?

Sascha: Kann ich so nicht sagen. Ich schreibe einfach, was in dem Moment aus mir heraus kommt, und versuche, das Ganze in eine poetische, lesbare Form zu bringen – ob Deutsch oder Englisch. Jede Band hat da so ihr eigenes Universum, in das ich mich einfach hineinbegebe und dann ganz unbewusst den stilistischen Eigenheiten der jeweiligen Band gehorche. Bei Despairation ist meist zuerst die Musik da, sodass diese schon eine gewisse Linie vorgibt. Oft habe ich erst einen Blindtext zu einer Gesangsmelodie, in dem manche Schlagworte schon stehen, die dann im richtigen Text auch vorkommen sollen. Der größere Unterschied sind eher die Inhalte, denn auf „New World Obscurity“ sind diese immer vom realen Leben beeinflusst, oftmals regelrecht politisch und dabei meist auch recht direkt. Das war auf vorigen Alben nicht immer so, da die Despairation-Texte früher oft eher kryptisch waren. Bei manchen Lyrics weiß ich selbst nicht mehr, was ich eigentlich sagen wollte. Aber diesmal sollte die Inhalte jeder verstehen können. Und ein weiterer großer Unterschied ist für mich, dass ich bei Despairation „nur“ Sänger und Texter bin, wohingegen ich bei den anderen Bands auch musikalischer Kopf bin. Das ist für mich wesentlicher als die Sprache. Das macht es bei Despairation etwas zwangloser und entspannter, da weniger Druck auf meinen Schultern lastet.

In euren Songs sind teilweise Gitarren-Soli zu hören die schon mal an Pink Floyd und ähnliche Bands erinnern. Sind das Bands, die euch geprägt haben?

Martin: Definitiv. Ich persönlich bin großer Freund des Gitarrenspiels von David Gilmour und liebe seinen charakteristischen Sound. Allerdings würde ich sagen, dass sein Einfluss auf diesem Album deutlich zurückgegangen ist. Gerade auf „Music for the Night“ oder auch „A Requiem in Winter’s Hue“ ist dieser noch deutlich mehr zu hören. Auf dieser Platte bin ich zumindest gitarristisch wieder mehr zu meinen Ursprüngen zurückgekehrt und die liegen mehr im Metal. Allerdings ist es nach all den Jahren in den verschiedensten Stilrichtungen vermutlich unvermeidlich, dass der ursprüngliche Stil etwas „verwaschen“ wird.

Was hat den Sound von Despairation sonst noch beeinflusst?

Martin: Schwer zu sagen, denn im Nachhinein kann man das nicht mehr so richtig gut auseinanderdividieren. In den letzten Jahren – also auch in der Zeit des Songwritings – habe ich wieder viel härteren Metal gehört aber auch viel Rock, Alternative und blueslastige Sachen. Außerhalb von Despairation spiele ich sehr viel Jazz aber ich habe versucht, diesen Einfluss so weit wie möglich zu verstecken. Ob mir das gelungen ist, sei dahingestellt.

Sascha: Ein wichtiger Aspekt ist, dass wir nun eine musikalische Mischung gefunden haben, hinter der wir alle zu 100 Prozent stehen können. Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall. Wir haben ja viel durch. Gerade Martin als undüstere Frohnatur war mit der oft etwas gothischen, melancholischen Ausrichtung in der Vergangenheit nicht immer ganz glücklich. Das neue Material ist eher eine Mixtur aus Alternative und Metal und wenngleich härterer doch für ein breiteres Publikum interessant, finde ich. Die neuen Songs sind für uns musikalisch zwar Neuland, auch wenn gewisse Trademarks immer noch vorhanden sind, aber eigentlich ist das genau die Schnittmenge, die alle unsere Vorlieben vereint.

New World Obscurity Cover

Erzählt uns bitte wie das stimmungsvolle Artwork zum Album entstanden ist.

Jens: Dass das Artwork düster ausfallen würde, war aufgrund der Texte – und natürlich der musikalischen Ausrichtung – klar. Themen wie Manipulation, Abhängigkeit, Überwachung und Fehlinformation ziehen sich wie ein roter Faden durch die Lyrics, das wollte ich natürlich auch bildlich umsetzen. Die Gesellschaft lässt sich nur zu gerne von den bereitgestellten Medien steuern und ablenken, genießt diesen Zustand sogar. Dieser wird verdeutlicht durch die Menschen, die sich – anstatt aufzubegehren – friedlich die Hände reichen. Das Prinzip „Brot und Spiele“ funktioniert also nach wie vor bestens.

Zum Schluss könnt ihr noch Grüße oder ein eigenes Statement loswerden.

Sascha: Da wir ja nun seit 20 Jahren aktiv sind, wenn auch mit größeren Unterbrechungen, sage ich an dieser Stelle all jenen danke, die uns in der Vergangenheit irgendwann, irgendwie unterstützt haben. Alleine hätten wir es sicher nicht bis zu diesem Punkt gebracht, auch wenn wir nach wie vor auf den Moment warten, dass uns die Musik eine große Villa, eine Yacht und eine eigene Insel finanziert – solange hält uns die Liebe und Leidenschaft zur Musik am Leben!

Danke für das Interview!

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